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Wissenschaft

ADHD-Diagnosen ohne Therapie: Experten warnen vor gesellschaftlicher Konstruktion

Die Zunahme von Diagnosen ohne Behandlung und die Problematik des privaten Marktes

Eine wachsende Zahl von Menschen suchte eine Diagnose für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) an, ohne eine therapeutische Behandlung in Anspruch zu nehmen. Experten forderten verstärkte Forschung, um die Ursachen dieser Entwicklung zu verstehen. Einige Menschen betrachteten die ADHS als eine Identität statt als eine Störung. Dies führte dazu, dass viele Beurteilungen bei minderwertigen privaten Anbietern erfolgten, was die Überzeugung schuf, eine Behandlung sei notwendig.

Der Psychiater Dr. Marios Adamou, Gründer des UK Adult ADHD Network, bemerkte, dass dies zu einer Zunahme von Beschwerden gegen Ärzte der Nationalen Gesundheitsdienste (NHS) führte, als diese minderwertige Beurteilungen ablehnten. Er sah in den Zahlen, dass fünfzig Prozent der Kinderpatienten nach der Diagnose keine Behandlung suchten, und beobachtete einen ähnlichen Trend bei Erwachsenen in seiner Praxis. Viele Patienten suchten stattdessen niedrige, nicht-therapeutische Dosen von Medikamenten. Adamou kritisierte die Argumentation, dass die kognitive Steigerung durch Stimulanzien zur Produktivitätssteigerung gesellschaftlich legitimiert wurde. Er fragte, warum Menschen sich mit diesen Zuständen identifizierten, und bezeichnete sie als Manifestationen eines gesellschaftlichen Problems.

Im Rahmen einer neuen Dokumentation stellte der NHS-Psychiater Dr. Max Pemberton dar, dass die ADHS eine „soziale Konstruktion“ und nicht eine medizinische Erkrankung sei. Er argumentierte, dass Schulen anpassung finden sollten, um eine breitere Palette von Kindern besser zu unterstützen, anstatt sie durch Medikamente in eine restriktive Norm zu zwingen. Adamou räumte ein, dass die ADHS sowohl eine soziale Konstruktion als auch eine Gehirnerkrankung sei. Er betonte, dass die diagnostischen Kriterien einer intensiven wissenschaftlichen Prüfung unterzogen worden waren, doch die ADHS-Konzeption sei so weit erweitert worden, dass sie Gefahr lief, bedeutungslos zu werden.

Dieses Phänomen sei durch Herausforderungen in der Qualität und Regulierung des Dienstleistungsmarktes befeuert worden. Die meisten Beurteilungen erfolgten nun im privaten Sektor. Adamou äußerte Bedenken, dass der private Sektor in diesem Marktmodell, in dem eine Diagnose kommerzialisiert und Stimulanzien angezogen wurden, Probleme verursachte. Er betonte zudem, dass minderwertige Diagnosen für viele Betroffene eine „doppelte Stigmatisierung“ schufen: die Stigmatisierung durch die ADHS selbst und die Stigmatisierung darüber, ob die Erkrankung real sei.

Prof. Dinesh Bhugra, ehemaliger Leiter des Royal College of Psychiatrists, stimmte der Dokumentation zu und fragte nach der Ursache dieser Diagnoseflut. Er befürchtete, dass die medizinische Verklärung normaler menschlicher Reaktionen geschah, da sie den Kliniker Macht verlieh und den Patienten ein Etikett gab, das ihnen Privilegien oder gesellschaftlichen Status verschaffte. Bhugra befürchtete, dass die private Wirtschaft durch Dienstleistungsunternehmen, die die NHS überlastet hatten, Profit generierte. Er sah in der ADHS-Beurteilung einen einfachen Weg zur Geldmachung für private Firmen. Er befürchtete, dass der britische Ansatz eine amerikanische Übernahme sei, bei der die Checklisten-Methode des DSM die Anforderungen von Versicherungen widerspiegelte und eine Kultur der „Gesundheit als Ware“ etablierte.

Jessica Lister, eine klinische Direktorin bei einem privaten Anbieter, äußerte die Sorge, dass die Abkehr von der Sichtweise der sozialen Konstruktion die Ungleichheiten für Menschen mit ADHS zementierte. Sie betonte, dass die Frage nicht die Realität der Erkrankung sei, sondern die Frage, ob Systeme frühzeitig, konsistent und fair genug reagierten, um vermeidbare Schäden zu verhindern. Die eigentlichen Probleme seien lange Wartezeiten, ungleiche Zugänge und mangelnde Koordination zwischen Gesundheitswesen, Bildung, Pflege und Beschäftigung gewesen.

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