Die geheime Mission zur Rettung des lebenswichtigen Archivs der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge gestaltete sich als nahezu unüberwindbare Hürde. Die Dokumente, welche jahrzehntelange palästinensische Geschichte belegten, mussten aus Ost-Jerusalem nach Amman in die jordanische Hauptstadt gebracht werden. Diese Operationen stellten für humanitäre Mitarbeiter der UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees) eine immense Herausforderung dar.
Eine zehnmonatige Aktion zur Sicherung der Bestände, die von der Organisation in Gaza und Ost-Jerusalem verwahrt wurden, erreichte ihre Endphase. Die Bemühungen waren hochsensibel und birgten erhebliche Risiken. Dabei beteiligten sich Dutzende Mitarbeiter der UNRWA in mindestens vier verschiedenen Ländern an gefährlichen Fahrten zur Dokumentensicherung unter Bombardement, der vorsichtigen Überführung unmarkierter Umschläge in Ägypten sowie der Lufttransport wertvoller Kisten in militärischen Flugzeugen.
Die Bedeutung der UNRWA-Archive war evident. Ein Großteil dieser Dokumente bezeugte die Erfahrungen der Palästinenser, die bei der Flucht oder zur Vertreibung aus ihren Heimatorten während der Kriege, die zur Gründung Israels im Jahr 1948 führten, erlebten. Ein hochrangiger UNRWA-Beamter, der die Operation leitete, betonte die Tragweite dieser Aufzeichnungen: „Ihre Zerstörung wäre katastrophal gewesen. Wenn es jemals eine gerechte und dauerhafte Lösung für diesen Konflikt gab, dann waren dies die einzigen Beweise, die die Menschen nutzen konnten, um zu zeigen, dass es einst Palästinenser gab, die an einem bestimmten Ort lebten.“
Die erste Phase der Dokumentenrettung war dramatisch und riskant. Tage nach der Invasion Gazas befahl Israel die Evakuierung der UNRWA-Büros in Gaza-Stadt. Internationale Mitarbeiter verließen die Einrichtung innerhalb weniger Stunden, da sie die wichtigen Archive nicht mitnehmen konnten. Es bestand ein reales Risiko, dass die Israelis die Dokumente zerstörten oder sie durch Feuer oder Explosionen vernichtet wurden. Zudem musste das digitale Registrierungssystem der UNRWA vor einer Cyberattacke vorübergehend abgeschaltet werden, und die Sorge bestand, dass digitale Kopien der Aufzeichnungen verloren gingen.
Trotz anhaltender Luftangriffe und Beschuss in den tödlichsten Angriffen Israels, welche über 70.000 Menschen, meist Zivilisten, töteten, fuhren kleine Teams von UNRWA-Beamten mit Miet-Pickup-Trucks zurück zu ihrem weitläufigen Komplex in Gaza-Stadt. Sie unternahmen drei Fahrten, um die Dokumente nach Rafah, an der Grenze zu Ägypten, in ein Lebensmittellager zu bringen. Kairo erlaubte die Archive jedoch nicht den Verlassen Gazas, solange Israel nicht konsultiert wurde. Die Beamten waren überzeugt, dass israelische Offiziere, welche eine fast vollständige Blockade Gazas verhängt hatten, die Bedeutung der Dokumente sofort erkannten und sie entweder beschlagnahmen oder den Durchgang verweigerten.
Über die folgenden sechs Monate wurden die Dokumente in Ägypten zusammengestellt und von einer jordanischen Wohltätigkeitsorganisation mittels der Militärflugzeuge des Königreichs transportiert, als sie nach der Hilfe für Gaza nach Amman zurückkehrten. Die letzte Ladung reiste zwei Wochen vor der Eroberung von Rafah durch israelische Panzer im Mai 2024, welche den Weg nach außen endgültig versperrte. Gleichzeitig mussten weitere bedeutende Dokumente im Komplex in Ost-Jerusalem gerettet werden. Durch verstärkte Anschuldigungen Israels, die UNRWA handle mit der Hamas zusammenarbeite, und eine Kampagne der Behinderung und Belästigung, wurde der Komplex zum Ziel von Protesten und Brandanschlägen, welche erhebliche Schäden verursachten.
Um die Archive zu sichern, entfernten Mitarbeiter die Dokumente und über mehrere Monate hinweg heimlich in die Büros der UNRWA in Jordanien. Im Januar 2025 verhängten neue israelische Gesetze ein Verbot der Organisation in Israel und den israelisch besetzten palästinensischen Territorien. In Amman begann eine neue, umfangreiche Anstrengung zur Digitalisierung der Dokumente. Mehr als fünfzig UNRWA-Mitarbeiter arbeiteten in einem überfüllten Keller, um große Mengen von Original-Flüchtlingsregistrierungsdokumenten sowie Millionen anderer Unterlagen manuell zu scannen.
Mit nahezu 30 Millionen Dokumenten, die nun digitalisiert waren, hoffte die UNRWA, jedem palästinensischen Flüchtling seine Stammbaum und alle unterstützenden Unterlagen zur Verfügung stellen zu können. Die Archive sollten zudem Karten erstellen, welche die Muster der Vertreibung im Jahr 1948 aufzeigten. Historiker betonten, dass die Dokumente ein vitales Zeugnis der palästinensischen Nationalgeschichte lieferten. Sie eröffneten multiple Untersuchungsansätze in Bezug auf die Erfahrung der palästinensischen Flüchtlinge, die Rolle der Vereinten Nationen und der internationalen Gemeinschaft sowie zentrale Elemente der nahöstlichen Politik der letzten achtzig Jahre.