Der Führer der spanischen Enklave Ceuta beschuldigte Marokko, die Krise durch Massengrenzübergänge befeuert zu haben. Er bezeichnete die Grenzübergänge der vergangenen Woche als Angriff auf die territoriale Integrität Spaniens, der nach seiner Ansicht entweder von Marokko orchestriert, zumindest gefördert oder gestattet worden war. Spanische Beamte berichteten am Montag, dass schätzungsweise 69.500 Menschen, die spät in Ceuta angekommen waren, in den letzten Tagen nach Marokko zurückkehrten. Etwa 2.500 Personen, die die Grenze überquert hatten, befanden sich mutmaßlich noch in Ceuta.
Die außergewöhnliche Ankunft überforderte die Stadt mit ihren 84.000 Einwohnern und löste eine politische Krise innerhalb der Europäischen Union aus, da einige Mitgliedstaaten Spanien die Schuld gaben. In Ceuta betonte der Führer Juan Jesús Vivas, langjähriger konservativer Leiter des Territoriums, das umfassendere Bild. Er erklärte: „Es ist eine Verbrechen“, sagte Vivas. „Es gab 88 Leichen im Morgengruft, und es gab weitere auf der anderen Seite der Grenze.“
Vivas betonte, dass die Menschen die Ereignisse nicht als reine Migrationskrise, sondern als fundamentalen Angriff und Verstoß gegen die territoriale Integrität Spaniens betrachteten. Er argumentierte, dass die Menschen empfanden, dies sei, wenn es nicht orchestriert wurde, zumindest von Marokko gefördert oder erlaubt worden. Er zog einen Vergleich zu Mai 2021, als Rabat die Grenzkontrollen lockerte und 10.000 Personen über zwei Tage in Ceuta passieren ließen, während eine diplomatische Auseinandersetzung über die Behandlung eines Westsahara-Unabhängigkeitsführers in Spanien stattfand.
Analysten vermuteten, dass die jüngste Annäherung Spaniens an die Rivalen Marokkos, Algerien, eine Reaktion von Marokko ausgelöst haben könnte. Verteidigungsministerin Margarita Robles signalisierte ebenfalls die Beteiligung von Rabat. Sie forderte die marokkanische Regierung auf, die Ereignisse vollständig zu untersuchen und erklärte: „Weder Spanien noch Marokko konnten bei dieser Tragödie wegschauen.“
Diese Andeutung stützte sich auf die vorläufige Einschätzung der spanischen Nachrichtendienste, welche vermuteten, dass die Ankunft nicht von marokkanischen Behörden geplant worden war, aber dass Marokko versäumt hatte, den Zustrom von Menschen an der Grenze aufzuhalten und in manchen Fällen sogar deren Passage ermöglicht hatte. Geheimdienstquellen teilten mit der Zeitung El País mit, dass die Ursache des Zustroms wahrscheinlich in einer Fälschung lag, die sich schnell in den sozialen Medien verbreitete, nachdem ein spanisches Oberstes Gerichtsurteil die sofortige Ausweisung von Seezugangsmigranten untersagte. Während diese Fälschung an Fahrt gewann, reduzierte die marokkanische Grenzsicherung die Überwachung auf ein Minimum, bis diese Ende der vergangenen Woche vollständig aufgehoben wurde, was Zehntausenden von Menschen den Durchgang ermöglichte.
In Ceuta beobachteten Hunderte von Menschen am Montag noch immer auf der Strand oder in der Nähe der Moscheen. Ein lokaler Beamter berichtete, dass sich in der Stadt 862 unbegleitete Minderjährige befanden. Ein marokkanischer Staatsbürger, Ashraf, 28 Jahre alt, erzählte, er habe seine Mutter warnen gegen die Überquerung nach Spanien, nachdem er Beiträge in den sozialen Medien gesehen hatte, die besagten, die Grenze sei geöffnet worden. Er erlebte eine mehrtägige Qual, als er versuchte, Nahrung und Unterschlupf zu finden. Er schilderte die Erfahrung der Migranten, die ihn in Ceuta fanden, und die Rolle der Polizei, die sie ins Wasser drängte.
Über die EU hinweg führte die Krise in Ceuta zu einer Momentaufnahme, da einige EU-Länder aufriefen, Spanien aus dem Schengen-Freizügigkeitsbereich auszusetzen. Italien suspendierte für einen Monat die passfreien Schengen-Reisebestimmungen mit Spanien, obwohl Ceuta nicht zum Schengen-Raum gehörte. Vor einer Notfallbesprechung der Innenminister am Dienstag erklärte der Außenminister Spaniens, dass das Land Solidarität von den EU-Mitgliedern verlangen würde, da diese in seiner Ansicht „unter den Erwartungen gescheitert“ seien. Es bestand ein starker Verdacht, dass die Krise keine Unfallfolge war, sondern koordiniert. Zudem äußerten die EU-Staaten Bedenken hinsichtlich der russischen Desinformation, die die Krise nutzen konnte, um Spannungen im gesamten Block zu erhöhen. Die Besorgnisse wurden öffentlich, als der Vertreter der Ukraine mehr als 1.500 Veröffentlichungen über Ceuta in pro-russischen Netzwerken identifizierte, was auf eine intensive russische Propaganda-Kampagne hindeutete, die Bilder aus Ceuta nutzte, um Destabilisierung zu fördern.