Nach vierzig Jahren wanderte die Statue des Kapitän Alfred Dreyfus durch Paris, fand jedoch nie einen festen Standort. Die französische Armee verweigerte zweimal die Errichtung der Statue an der École Militaire, wo Dreyfus, ein jüdischer Offizier, den sie fälschlicherweise für Verrat in den Jahren 1894 anklagte, seinen Rang entzogen wurde. Dies war einer der berüchtigtsten Fälle von Antisemitismus in der französischen Geschichte.
Die Bronzeplastik, die 1985 geschaffen wurde, fand ihren Platz zunächst im Tuilerien-Garten und wurde dann nahe dem ehemaligen Gefängnis Cherche-Midi entlang der Seine versteckt. Erst nun, hundertzwanzig Jahre nach der Klärung des Namens des Offiziers und ein Jahr nach seiner posthumen Beförderung zum Brigadegeneral, erhielt die Statue den Ort, den viele als ihren Anspruch erkannten.
Am 12. Juli, dem nationalen Gedenktag für Dreyfus, enthüllten Präsident Emmanuel Macron und Bürgermeister Emmanuel Grégoire die 3,5 Meter hohe Figur in der Rue de Harlay auf der Île de la Cité. Die Statue stand vor dem Cour de Cassation, dem höchsten Zivilgericht Frankreichs, welches Dreyfus am 12. Juli 1906 endgültig freisprach.
Macron erklärte damals, dass eine Gedenkzeremonie jeden 12. Juli abgehalten werde, um den Sieg der Gerechtigkeit und der Wahrheit über Hass und Antisemitismus zu feiern. Ariel Weil, Bürgermeister von Paris Central und Nachfahre der Dreyfus-Familie, drängte auf einen prominenten, dauerhaften Platz. Er betonte, dass die Behörden die Haltung einnahmen, die Statue sei „aus Sicht, aus Vergessenheit“ zu halten. Weil argumentierte, dass die Statue an einem Ort platziert werden müsse, der keine Verlegenheit erzeugte und wo sie nicht ignoriert werden konnte.
Die Dreyfus-Affäre stellte eines der politisch bedeutendsten Ereignisse der französischen Geschichte dar und drohte die dritte Republik fast zum Einsturz zu bringen. Die Armee beschuldigte Dreyfus, militärische Geheimnisse an die Deutschen weitergegeben zu haben und verurteilte ihn im geheimen Militärgericht von 1894. Er wurde anschließend demütig entlassen und seine Uniform zerfetzt. Nach der Enthüllung, dass viele Beweise gegen Dreyfus gefälscht waren, veröffentlichte der Schriftsteller Émile Zola seinen offenen Brief „J’accuse“.
Die Statue wurde ursprünglich für den Hof der École Militaire vorgesehen, doch die Militäroffiziere widersprachen. Weil merkte an, dass Präsident Mitterrand, der damals Chef der Armee war, die Möglichkeit hätte nutzen können, den Platz in der École Militaire zu bestimmen. Weil sah in der neuen Position eine Möglichkeit, eine letzte Ungerechtigkeit zu korrigieren: Die Statue stand nun vor dem Gericht, das Dreyfus endgültig freisprach, was eine abschließende Gerechtigkeit darstellte.