Das Risiko, dass Tausende von Menschen in den Trümmern von Gaza nicht identifiziert werden konnten, wuchs stetig, erklärte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Die Such- und Bergungsbemühungen blieben langsam, und viele Opfer konnten noch nicht wiederhergestellt werden. Die Zeit, die die Überreste unter den Trümmern lag, erhöhte die Schwierigkeit der Identifizierung erheblich.
Der Sprecher des ICRC, Pat Griffiths, betonte, dass die Verzögerung bei der Wiederbeschaffung menschlicher Überreste die Identifizierung erschwerte. Je länger die Leichen unter den Trümmern lagen, desto wahrscheinlicher waren sie in fortgeschrittenen Verwesungsstadien, teilweise bereits skelettartig, als sie schließlich gefunden wurden. Sachverständige verloren zudem Zugang zu Umständen, die zur Bestätigung der Identität dienen konnten.
Seit dem Waffenstillstand, der im Oktober durch die Vereinigten Staaten vermittelt wurde, gruben die Palästinenser geschätzte 61 Millionen Tonnen Trümmer aus. Unter diesen Trümmern lagen mutmaßlich mindestens 10.000 Menschen, wobei Experten die Zahl auf bis zu 14.000 schätzten. Die Rettungsteams mussten sich bisher auf rudimentäre Werkzeuge verlassen, da die Zulassung von schwerem Gerät für die Ausgrabung verweigert wurde.
Die Zeit stellte sich als größter Feind der Identifizierung dar. Eine Professorin der forensischen Pathologie bemerkte, dass je länger die Zeit verging, desto geringer die Erfolgsaussichten. Während frühe Stadien eine erkennbare Gesichtsform erlaubten, verloren sich mit der Zeit die Merkmale, die eine zuverlässige Identifizierung ermöglichten. Darüber hinaus konnten Umwelteinflüsse und Tieraktivität wichtige Hinweise auf der Stelle vernichten.
Die forensischen Experten nutzten bei der Identifizierung Alter, Geschlecht, Fingerabdrücke und persönliche Gegenstände. Doch die Möglichkeit, diese Beweismittel zu sichern, blieb durch die Blockade von Gaza und die fehlende Infrastruktur, wie beispielsweise für die DNA-Analyse, stark eingeschränkt. Die fehlende Möglichkeit, genetisches Material zu testen, verstärkte das Problem, da die biologischen Informationen selbst durch die Zeit degradierten.
Die Unfähigkeit, die Leichen zu identifizieren, hatte auch tiefgreifende psychologische Folgen für die Überlebenden. Psychologen beschrieben den ungelösten Schmerz der Angehörigen als einen „ambivalenten Verlust“, der Depressionen und Traumata verursachte. Die Situation zeigte, dass die Frage der Identifizierung nicht nur die Würde der Verstorbenen betraf, sondern auch die Gesundheit der Lebenden.