Jamaika stand näher als je zuvor an einer Entscheidung bezüglich der Ölförderung. Tests an Proben vom Meeresboden vor der südlichen Küste der Karibikinsel identifizierten Kohlenwasserstoffe, was auf die mögliche Präsenz von Rohöl unter der Oberfläche hindeutete. Die Importe von Treibstoff kosteten das Land jährlich rund 1,5 bis 2 Milliarden Dollar, was eine erhebliche Belastung für die Wirtschaft darstellte, die ihren größten Ertrag aus dem Tourismus im Jahr 2024 erzielte.
Ein britischer Konzern besaß eine exklusive Explorationslizenz für das Walton-Morant-Becken, ein Gebiet von 22.400 Quadratkilometern vor der südlichen Küste der Insel. Obwohl Oberflächenlecks von Öl wiederholt dokumentiert wurden, erfolgte bisher keine kommerzielle Ölförderung. Die Regierung reagierte auf die Nachricht einer möglichen Entdeckung mit vorsichtigem Optimismus. Der Energieminister Daryl Vaz bezeichnete die Ergebnisse als „sehr positiv“, betonte jedoch, dass die Ergebnisse zwar wichtig seien, die eigentliche Entscheidung noch nicht gefallen sei.
Wäre Öl innerhalb der territorialen Gewässer bestätigt worden, würde Jamaika zu Guyana und Suriname als neue Staaten in der Region der fossilen Brennstoffproduktion gehören. Dies setzte das Land in eine globale Debatte, da sich etwa die Hälfte der Länder in Lateinamerika und der Karibik in die Suche nach Öl stürzte, ungeachtet der globalen Bewegung hin zu einer grünen Energiewende.
Die Diskussion um die Ölförderung kollidierte jedoch mit den existenziellen Herausforderungen der Klimakrise. Theresa Rodriguez-Moodie, Leiterin des Jamaica Environment Trust, zeigte sich erstaunt über die Erwägung der Ölförderung angesichts der extremen Auswirkungen der Klimakrise. Sie argumentierte, dass die Erwägung fossiler Brennstoffe ein Widerspruch sei, da Jamaika die härtesten Folgen der Klimakrise erlebte.
Die Gefahr eines Ölunfalls in der Nähe geschützter Gebiete, wie dem Portland Bight, das Mangroven und Korallenriffe umfasste, erzeugte erhebliche Besorgnis. Zudem existierten Implementierungslücken bei den Umweltgesetzen, was die Beteiligung lokaler Gemeinschaften an den Diskussionen über die Exploration erschwerte. Experten betonten, dass die Region zwar eine Stimme für den Übergang weg von fossilen Brennstoffen forderte, diese Stimme jedoch gegen die Notwendigkeit der Energiesicherheit und der wirtschaftlichen Entwicklung abgewogen werden musste.
Obwohl erneuerbare Energien wie Solar, Wasserkraft und Windkraft existierten, deckten diese nur etwa dreizehn Prozent der Stromerzeugung. Jamaika setzte ein ambitioniertes Ziel, bis 2030 fünfzig Prozent der Elektrizität aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen. Dennoch argumentierten einige Analysten, dass die wirtschaftliche Lage des Landes und die Notwendigkeit, die Schulden zu reduzieren, keine Überlegung für die Nutzung von Ölerträgen zuließen. Die sozialen Verhältnisse, insbesondere im Bereich Bildung und Gesundheitswesen, blieben jedoch prekär.