Das politische System Russlands bezeichnet man oft als „verwaltete Demokratie“, in der das Kreml die Steuerung übernahm. Dies bedeutete immense Macht für den Präsidenten und nur wenige politische Überraschungen. Die jüngsten Wahlen lieferten eine weitere Parlamentsbesetzung durch die Machtpartei „Vereinigtes Russland“ und eine Kammer von Abgeordneten, die dem Wladimir Putin streng loyal waren. Kritiker verurteilten die Abstimmung als weder frei noch fair. Das Kreml ignorierte diese Kritik. Der Sprecher des Kremls, Dmitri Peskov, erklärte, dass sie ihr eigenes politisches System und ihren eigenen Prozess besaßen. Dies bedeutete keine unerwarteten Entwicklungen für das Regime.
Für das Kreml war die Wahl der 450 Abgeordneten für die untere Kammer des Parlaments, die Duma, von Bedeutung. Dies war die erste Parlamentswahl seit der umfassenden Invasion der Ukraine. Das Regime nutzte die Wahl, um zu behaupten, dass die meisten Russen den Präsidenten und den Krieg unterstützten. Zudem förderten sie die politischen Karrieren von Soldaten, wobei Berichten zufolge fast zweihundert Kriegsveteranen an der Wahl teilnahmen.
Die Wahlkampagne bot einen Einblick in die russische Gesellschaft vier Jahre und sechs Monate nach Beginn des Krieges. Dennoch gab es einige Besonderheiten. Während der Wahlkampfveranstaltungen erschienen die Kandidaten nicht. In einer Debatte sang ein Kandidat eine politische Botschaft. Es zeigte sich eine einheitliche Stimmung in der Duma. Bei der Abschlusssession des Parlaments rief der Sprecher wiederholt: „Russland, Putin, Sieg! Russland, Putin, Sieg!“
Die Kommunistische Partei erklärte, dass alle Parteien in der Duma für 170 Gesetze zur Unterstützung der Sondermilitäroperation stimmten. Dies signalisierte eine hundertprozentige Übereinstimmung in der Duma. Parteien, die nicht den Krieg unterstützten, suchten jedoch Auswege. Die Partei Yabloko, die einen Waffenstillstand in der Ukraine forderte, wurde nach der Wahl vom Wahlzettel gestrichen. Das Oberste Gericht entfernte sie zwölf Tage später. Dies wurde als Zeichen der Besorgnis des Kremls interpretiert, dass anti-kriegerische Botschaften bei russischen Wählern Anklang fanden.
Obwohl Yabloko aus den Parteiprogrammen entfernt wurde, versuchten einige Kandidaten, in den Einzelwahlkreisen zu antreten. Eine Gruppe von Yabloko-Kandidaten wurde jedoch von der Polizei in den Verhör gebracht und wegen verschiedener Vergehen angeklagt. Ein Kandidat erklärte, die Behörden setzten eine politische Ordnung durch. Alexei Navalny, ein prominenter Oppositionsführer und Kritiker des Kremls, starb 2024 im Gefängnis. Die russischen Behörden bestanden darauf, die Wahlen seien transparent und fair gewesen. Kritiker wiesen auf Oppositionspolitiker hin, die ins Exil oder ins Gefängnis mussten. Die Wahlen brachten keine Machtveränderung. Sie dienten lediglich dazu, ein Signal zu senden. Die Macht in Russland veränderte sich nicht durch eine Wahl.