Donald Trump präsentierte sich auf dem jährlichen NATO-Gipfel in Ankara als volatil und unberechenbar. Seine Beziehung zu den Verbündeten der Vereinigten Staaten war von Anfang an angespannt. Während der Gipfel zeigte der US-Präsident extreme Stimmungsschwankungen, die selbst nach seinen eigenen Maßstäben außergewöhnlich waren. Kommentatoren suchten nach Erklärungen für dieses Verhalten, doch die verfügbaren Erklärungen zeigten an ihre Grenzen.
Trump traf am Dienstag in die türkische Hauptstadt mit sichtbarer Wut ein, da die vereinbarte Waffenruhe mit dem Iran gescheitert war. Er bezeichnete die islamische Führung als „verdorben“ und „kranke Menschen“ und kritisierte die Allianz scharf. Er beklagte das Versagen der Mitglieder, insbesondere Großbritanniens, bei der Unterstützung im Iran-Konflikt, und forderte die Trennung der Handelsbeziehungen mit Spanien wegen der Verweigerung der Einhaltung neuer Verteidigungsausgabenziele. Diese aggressive Haltung zeigte seine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Allianz, die seit 1949 als Fundament der kollektiven westlichen Sicherheitspolitik etabliert war.
Kurze Zeit später änderte Trump seine Position radikal und zeigte eine unerwartete Wärme gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Er lobte Selenskyj als „genial“ für die Führung seines Landes im Krieg gegen Russland unter Führung von Wladimir Putin. Diese plötzliche Veränderung der Haltung wirkte auf viele Beobachter unlogisch. Die Ursachen für diese wechselhafte Rhetorik lagen in einer Mischung aus persönlicher Affinität und politischen Dynamiken. Ein möglicher Treiber war die Verbundenheit mit dem Gastgeber, dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, dessen Einfluss Trump schätzte. Ian Lesser, ein Wissenschaftler des Deutschen Marshall-Fonds, bemerkte eine „bipolare Qualität“ der Atmosphäre, die auf die Chemie zwischen Trump und Erdoğan zurückzuführen war.
Auch die Floskeln der Verbündeten spielten eine Rolle. Mark Rutte, ein ehemaliger niederländischer Premierminister, nutzte seine Fähigkeit, die Stimmung zu lesen, um Trump zu überzeugen, dass die Zusammenarbeit funktionierte. Diese Floskeln erschienen auch in den privaten Gesprächen, die Trump auf dem Gipfel führte. Die öffentliche Veränderung hin zu Selenskyj könnte auch auf die Enttäuschung über Putins mangelnde Zugeständnisse zurückzuführen gewesen sein, kombiniert mit der Wahrnehmung einer bestimmten Meinung im US-Kongress.
Trotz des unerwartet milden Abschlusses entstand die Theorie, dass Trumps ständige Kritik an den Verbündeten eine bleibende Wirkung hinterließ. Dennoch argumentierten Analysten, dass seine rhetorische Feindseligkeit die Allianz nicht geschwächt hatte. Die Struktur der NATO blieb intakt, und die Vereinigten Staaten behielten ihre militärischen Verpflichtungen in Europa. Es wurde prognostiziert, dass die Allianz zukünftig eine stärker europäisch geführte Struktur annahm, wenn die europäischen Partner ihre Zusagen zur Verteidigungsausgabensteigerung einhielten. Dennoch blieb die strategische Unentschlossenheit der Vereinigten Staaten ein tiefgreifendes Problem, das die gesamte Außenpolitik beeinflusste.